Mittwoch, 2. März 2011

[Rezension] Antonia Michaelis - Der Märchenerzähler


Antonia Michaelis - Der Märchenerzähler

Oetinger
ISBN:
978-3789142895
447 Seiten - Gebundene Ausgabe


Die Autorin:
Antonia Michaelis wurde 1979 in Kiel geboren. Ihre Kindheit und Jugend verlebte sie in Augsburg, wo sie im Alter von fünf Jahren bereits anfing zu schreiben. Nach dem Abitur arbeitete sie in Südindien ein Jahr lang als Lehrerin. In Greifswald studierte sie anschließend Medizin, trieb sich zwischendurch ein wenig in Nepal, Peru und Ghana herum, und begann Geschichten für Kinder und Jugendliche zu veröffentlichen. Heute lebt die Autorin mit Mann, kleiner Tochter und 3000 Quadratmeter Brennnesseln in der Nähe der Insel Usedom. Hühner besitzt sie allerdings keine.


Inhalt:
Er ist der Kurzwarenhändler. Der Außenseiter. Der Gefährliche. Er ist Abel. Und er ist der Märchenerzähler.

Anna steht kurz vor dem Abitur und sollte eigentlich nichts anderes als dies im Kopf haben. Hatte sie auch. Bis sie im Kollegstufenzimmer unter einem Sofa eine alte abgegriffene Puppe findet. Sie gehört Abels kleiner Schwester Micha. Und auch wenn alles dagegen spricht, Anna fühlt sich von Abel angezogen, sie nähert sich ihm, durchbricht seine Schale. Zumindest dachte sie es.

Abel gewährt ihr Einblicke in sein Leben. Splitter eines Lebens. Anna erlebt mit ihm Höhen und Tiefen. Und obwohl es mehr Tiefen sind, zieht Abel sie immer mehr an sich, an Micha und an den Märchenerzähler.

Der Trailer:




Meine Meinung:
Ich wünschte, ich könnte Euch wirklich erklären, was gerade in mir vorgeht. Dieses Buch geht absolut unter die Haut. Es gräbt sich ein und läßt nicht wieder los.

Gemeinsam mit Anna wird man hineingerissen in eine brutale Wirklichkeit, die so gar nichts von einem Märchen hat. Probleme, Sorgen, Ängste haben hierin den Platz vollständig ausgefüllt. Wenig schönes paßt hier noch hinein. Und doch findet Anna immer wieder Momente mit Abel, die alles Böse aufwiegen. Für Anna aufwiegen. Lange Zeit erfährt man eigentlich immer nur Bruchstücke einer Realität, von der man weiß, aber nichts wissen möchte. Man leidet mit Anna, mit Abel. Leidet über die zerbrochenen Seelen, die zerstörte Wirklichkeit.

Und gleichzeitig wird man entführt in eine Märchenwelt. Voller Abenteuer, voller Freunde. Erfüllt von traumhaften Schauplätzen. Man meint das Meer riechen zu können, so bildreich ist die Sprache in diesem Buch. Man schmeckt den Wind. Man hört die Schneeflocken fallen.

Abel erzählt über das gesamte Buch hinweg immer wieder Teile eines Märchens. Erfindet den Fortgang der Geschichte von Tag zu Tag. Läßt Micha die Hauptperson in diesem Märchen sein, als kleine Klippenkönigin, die so viel positives rüber bringt, daß es das Herz fast überlaufen läßt. Man sieht diese beiden Figuren - Micha und die Klippenkönigin - miteinander verschmelzen, meint fast, das fröhliche Kinderlachen, den ungebrochenen Optimismus zu hören. Sieht das Diamanten-Herz.

Doch nach und nach wird Anna klar, wie ähnlich das Märchen der Realität ist. Wie kunstvoll Abel diese beiden Welten miteinander verbindet, mit ihnen spielt, und somit Anna die Wirklichkeit ein Stück näher bringt. Immer mehr werden Anna die Gefahren und das tiefe Leid klar. Und doch nicht klar genug.

Dieses Buch vereint so vieles miteinander. Soviel brutale Realität, Ausgeschlossenheit, Erschütterndes, Standesdünkel, Vorbehalte, Snobismus und Kälte. Und auf der anderen Seite so viel zauberhaftes, fantastisches, fantasievolles, verzauberndes, fesselndes, einhüllendes.

Anna sagt in diesem Buch folgenden Satz: "Manchmal kann ich nicht mehr unterscheiden", flüsterte Anna, "zwischen Schönheit und Trostlosigkeit. Ist das nicht merkwürdig? Manchmal weiß ich gar nicht, ob ich glücklich bin oder traurig. Wenn ich an dich denke, ist es so."

Und genau so ging es mir beim Lesen. Manchmal konnte auch ich nicht mehr unterscheiden zwischen Schönheit und Trostlosigkeit. Fassungslos zwischendrin und doch irgendwo so voller Verständnis.

Als das letzte Kapitel anfing, fingen auch die Tränen an und sie versiegten erst einige Zeit nach Beendigung des Buches. Und im Moment ist nur noch Platz für die Trostlosigkeit - außer in den Momenten, wo ich an den Märchenerzähler denke.

Dieses Buch müßt Ihr wirklich lesen, es ist einfach so unbeschreiblich! Und so bekommt es von mir auch meine höchste Wertung:

Gleichzeitig war dies mein erstes Buch für die Challenge:

Für die Kategorie Romantic Suspense.

Kommentare:

  1. Freut mich, dass es dir gefallen hat. Hab ich also nicht zu viel versprochen? ;)

    Sehr schöne Rezi :)

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  2. Ich bin gerade total hingerissen von deiner tollen Rezension. Da muss ich jetzt nicht extra sagen, dass ich das Buch unbedingt lesen werde, oder?
    Liebe Grüße von Anny

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  3. Ich will das Buch auch im Rahmen von Heart Beating Stories lesen, habe Deine Rezi nur ganz schnell überflogen, um mir nicht die Spannnung zu nehmen. Aber da es Dir so gut gefallen hat, freue ich mich schon darauf.
    Vielleicht werde ich es sogar vorziehen.
    Lieben Gruß
    AnjaS

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  4. Danke für die tolle Rezi, Du bist Schuld, daß ich das Buch nun auf meine Wunschliste gesetzt habe. Dafür hab ich Dich auch gleich mal an den Pranger gestellt auf meinem Blog. ;o)
    Liebe Grüße
    Melanie

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  5. Ich hab das Buch letzte Woche beendet und auch auf meinem Blog rezensiert. Ich fand es wunderschön. Ist ja schon komisch, dass man so fasziniert ist, obwohl es so traurig und brutal ist. Dass man so mit einem Mörder sympatisieren kann, ist schon erschreckend, oder?

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